3. Kapitel – Von der Liebe zum Hass und zurück

 

„Russlands Geist kann man dort spüren!”

                                                                           A. Puschkin

Lasst uns zusammen tanzen

In der Mitte der 80er Jahre war der „russische Geist” nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kultur und der Kunst der DDR zu spüren. In den Theatern waren Stücke von Maxim Gorki, Michail Schatrow und Viktor Rosow auf dem Spielplan, und es wurden Werke von Michail Bulgakow und Tschingis Ajtmatow inszeniert. In den Kinos liefen Filme von Andrei Tarkowski und Eldar Rjasanow. In den Bezirken und in der Hauptstadt wurden regelmäßig läge der sowjetischen Kultur, Tage des sowjetischen Films und Tage der sowjetischen Musik durchgeführt.

Viele unserer Kulturschaffenden waren auch in diesem Land bekannt und beliebt. Die Entstehung des Ballettensembles der Komischen Oper ist beispielsweise eng mit dem Namen der Volkskünstlerin der UdSSR Olga Lepeschinskaja verbunden, die einmal eine berühmte Ballerina des Bolschoi-Theaters war.

         Lager und Samoware

In unserer gemeinsamen Geschichte gibt es nicht wenige schmerzliche, tragische Berührungspunkte. Mit der Verknüpfung der Schicksale von Russen und Deutschen, die häufig für immer an den totalitären Regime zerbrochen sind, war ich mehr als einmal in Berlin konfrontiert.

Maja Wolter, eine zarte, jugendlich wirkende Berlinerin, die akzentfrei Russisch sprach, habe ich 1986 für eine Russin gehal­ten. Doch es stellte sich heraus, dass sie Deutsche ist. Ihre Eltern waren seinerzeit mit den Kindern aus dem faschistischen Deutschland in die Sowjetunion geflohen und hatten dort das tragische Schicksal vieler deutscher Kommunisten und ihrer Mitstreiter geteilt.

Majas Vater, Hans Beck, war Metallarbeiter und Mitglied der Kommunistischen Partei in Thüringen gewesen. Er wurde zum Gewerkschaftsvorsitzenden der Metallarbeiter und zum Abge­ordneten der KPD im Thüringischen Parlament gewählt. 1925 war er einer der Leiter der ersten deutschen Arbeiterdelegation, die nach Sowjetrussland fuhr. Was hat die 58 Deutschen, unter denen Eisenbahner, Bauarbeiter, ein Lehrer, ein Dreher, ein Weber, ein Bergarbeiter, ein Schuster, ein Schlosser, ein Glas­bläser und ein Tischler aus zwanzig deutschen Städten waren, dazu gebracht, diese lange Reise anzutreten? Sie erklärten es mit dem Wunsch, die wirkliche Lage im neuen Russland mit eigenen Augen zu sehen.

Die deutsche Arbeiterbewegung erlitt in jenen Jahren eine Niederlage nach der anderen. Die Hoffnungen, die die Kommunisten in die Novemberrevolution gesetzt hatten, waren unerfüllt geblieben. Die Rechte der Räte in den Betrieben waren minimal. Die Lage der Arbeiter verschlechterte sich zusehends. Viele wandten der Partei und den Gewerkschaften, zu denen sie wäh­rend der Revolution gekommen waren, enttäuscht den Rücken. In dieser Zeit, am 8. Januar 1925, veröffentlichte die Zeitung „Vorwärts” den Brief einer Gruppe von Arbeitern aus dem Putilow-Werk in Leningrad. Sic schrieben:

„Werte Genossen. Niemals war die russische Arbeiterklasse politisch so rechtlos wie gegenwärtig in Russland… Die Sowjet­diktatoren haben ein großes Land in einen Friedhof verwandelt… Gegen die russische Sozialdemokratie ist ein Kreuzzug eröffnet worden. Die russischen Gefängnisse und Verbannungsorte sind mit Sozialisten überfüllt, deren ganze Schuld darin besteht, dass sie durch Wort und Schrift für die politische Freiheit kämpfen…”

Einige Tage später erhielt der „Vorwärts” einen Brief von einer anderen Gruppe von Arbeitern des Putilow-Werkes, die die erste Information dementierten. Darin war auch die Einladung für die Deutschen enthalten, nach Russland zu kommen und sich selbst ein Bild von der Lage der Arbeiterklasse in der UdSSR zu machen.

Die Einladung wurde angenommen. In ganz Deutschland wurden Komitees gegründet, Mittel für die Finanzierung der Reise gesammelt und die Delegierten benannt. 10.000 Arbeiter kamen am 10. Juli 1925 zur Verabschiedung der Delegation in den Berliner Friedrichshain.

Sieben Wochen verbrachten die deutschen Arbeiter in der UdSSR: in Leningrad, Moskau und in verschiedenen Städten der Ukraine und des Urals. Überall wurden sie herzlich aufgenom­men. Die Deutschen hatten Gelegenheit, Betriebe, Fabriken, Wohnheime und sogar Gefängnisse zu besuchen. Sie begegneten Untersuchungshäftlingen und den Führern des Landes: Rykow, Bucharin und Kamenew. Über all das erzählten sie nach ihrer Rückkehr in dem extra herausgegebenen Buch „ Was sahen 58 deutsche Arbeiter in Russland?”

Der Inhalt dieses Buches ist ein höchst interessantes Zeit­dokument. In ihm sind die Eindrücke und Zeugnisse außen­stehender Augenzeugen dieser trügerisch lächelnden und sieg­reich-tragischen zwanziger Jahre enthalten, als sich die Diktatur des Bolschewismus mit allen ihren unmenschlichen, usurpato­rischen Auswüchsen herausbildete, natürlich bekamen die Deutschen nicht alles zu sehen, und natürlich konnten sie auch dort nicht alles verstehen, wo Lügen mit dem Märchen vom neuen Leben und vom neuen Menschen verflochten wurden, wo kritische Stimmen beschuldigt wurden, Feinde der glücklichen Zukunft des ganzen Volkes zu sein. Trotz alledem sind die Beschreibungen und viele Einschätzungen der damaligen auf­richtigen Freunde des neuen Russlands auch für den heutigen Leser verblüffend.

Einer der Autoren dieses Buches war Hans Beck. In den dreißiger Jahren flüchtete er wie viele Deutschen vor dem Faschismus in die Sowjetunion. Er arbeitete in Betrieben in Sibirien und in Moskau. 1936 wurde er, wie viele andere deut­sche politische Emigranten, verhaftet und bald darauf unter der Anklage der konterrevolutionären Tätigkeit als „Feind des Volkes” erschossen. Auch seine Familie ereilte ein schweres Schicksal. Seine Frau Tatjana wurde ein Jahr später verhaftet, und als Ehefrau eines „Feindes des Volkes” brachte sie neun Jahre in den Lagern des GULAGs und in Kasachstan zu. Von ihren Kindern wurde sie getrennt. Die neunjährige Maja und der zweijährige Rolf wurden in verschiedene Kinderheime eingewiesen. Erst viele Jahre später gelang es Tatjana, ihre Kinder ausfindig zu machen.

1958 wurden Hans Beck (postum) und seine Frau rehabili­tiert. Und ein weiteres Jahr später erhielten Tatjana Beck und ihre Kinder die Erlaubnis, aus der UdSSR in die Deutsche Demokratische Republik auszureisen. Maja war damals schon dreißig Jahre alt.

In der DDR war es verboten, über das tragische Schicksal deutscher Kommunisten in Stalins Lagern zu sprechen oder zu schreiben, für die Personalakten, die die Heimkehrer aus der UdSSR vorweisen mussten, wenn sie eine Arbeit aufnahmen, wurden die Lebensläufe gefälscht.

Es gibt Hunderte dieser Lebensgeschichten. Die Sprach­kenntnisse, die diese Menschen in der Sowjetunion in Lagern, Kinderheimen und Schulen erworben hatten, halfen ihnen nach ihrer Übersiedlung in die DDR, eine Arbeit zu finden und die Kontakte zu den in den schweren Jahren gewonnenen russischen Freunden und Bekannten aufrechtzuerhalten. Maja Wolter, die in Moskau die pädagogische Hochschule abgeschlossen hatte, wurde professionelle Russistin. Dreißig Jahre lang arbeitete sie im Verlag „Volk und Wissen”. Sie bereitete Lehrbücher und Unter­richtsmaterialien für den Russischunterricht vor und erstellte deutsch-russische Sprachführer.

„Russlands Geist” wurde in der DDR auch von Tausenden jungen Leuten gepflegt, die ihre Hochschulausbildung in der Sowjetunion erhalten oder ein Teilstudium an den sowjetischen Hochschulen absolviert hatten. Ungeachtet der großen Unter­schiede im Lebensstandard und der Schwierigkeiten mit der Beschaffung von Lebensmitteln brachten sie von dort sehr schö­ne Erinnerungen mit. Die sowjetischen Menschen hatten ihre Herzen mit ihrer Offenheit, ihrem Wohlwollen und ihrer Warm­herzigkeit erobert.

In den Räumen des HdSWK fanden einige Treffen mit den Absolventen der Staatlichen Universitäten von Moskau und Woronesch statt. Hunderte von ihnen kamen aus verschiedenen Bezirken der DDR, um wieder ihrer Jugendzeit, ihren Freunden und ihren russischen Lehrkräften zu begegnen, die extra nach Berlin eingeladen wurden. Am Rednerpult und an den Festtafeln brachten sie ihre Liebe zu Russland und zu den russischen Menschen zum Ausdruck. Sie waren stolz auf ihr Verhältnis zur UdSSR. Die Perestroika begeisterte sie. So war es bis zum November 1989.

 

„… und lernte Russisch einzig darum…

„Ja, war ich

ein Neger, vom Alter schon krumm, nicht schont ich

die müden Knochen -und lernte Russisch,

einzig darum, weil Lenin russisch gesprochen. “

Diese Zeilen von Majakowski waren zu Zeiten des Sozialismus sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR sehr bekannt.

Für die Russisten in Ostdeutschland war die Arbeit immer gesichert. Fast vierzig Jahre lang war Russisch in diesem Land die erste Fremdsprache in der Schule und als solche ein Pflicht­fach. Von der dritten oder der fünften Klasse an begannen die Kinder, russische Wörter und Fälle zu lernen und gleichzeitig auch die Geschichte der Oktoberrevolution von 1917. der Pionierorganisation und der Baustellen des Komsomol, ein­schließlich der Baikal-Amur-Magistrale. In Schulen, Kreisen, Städten und Bezirken wurden Preisausschreiben und Wett­bewerbe unter dem Motto „ Was weißt du über die Sowjetunion:’”‘ durchgeführt. Und wissen musste man eine Menge.           Sowjetische Soldaten wurden zu Schulfesten eingela­den, wo „Katjuscha” und „Abends an der Moskwa” gesungen wurde.

 

Vor dem Krieg wurde der Russistik in Deutschland keine große Bedeutung beigemessen. An den Hochschulen gab es keine Lehrstühle für die russische Sprache, sie wurde im Rahmen der allgemeinen Slawistik gelehrt. Nach 1945, beson­ders nach der Gründung der DDR, veränderte sich die Lage. Am Institut für Sprachwissenschaft der Akademie der Wissen­schaften wurde eine Sektion zur Erforschung der russischen Sprache eingerichtet, an Universitäten und pädagogischen Hoch­schulen wurden spezielle Lehrstühle gegründet. Lexikogra­phische Arbeiten wurden im großen Maßstab durchgeführt, um deutsch-russische und russisch-deutsche Wörterbücher verschie­denster Art herauszugeben. Zu Beginn der 50er Jahre wurde Russisch bereits als Pflichtfach unterrichtet und die sowjetische und russische Literatur gelehrt. Die aktive Einbindung der Rus­sistik in den Unterricht sollte die Überwindung der faschisti­schen Ideologie und die Erziehung der jungen Generation im Geiste sozialistischer Ideale, der Freundschaft und des Friedens mit der Sowjetunion fördern.

Die Deutschen der Nachkriegszeit wussten fast nichts über russische und die sowjetische Literatur, da seit 1933, seit der Machtergreifung Hitlers, alles Russische verboten gewesen war. Mit der Lektüre russischer Bücher begann die Entdeckung einer neuen Welt. Die Sowjetische Militäradministration sorgte in kür­zester Zeit dafür, dass 40 Bücher russischer und sowjetischer Autoren in deutscher Sprache erschienen. „Zwei Hauptmänner” von Kawerin wurde 1946 in der Zeitung der SM AD „Tägliche Rundschau” abgedruckt. 1949 kam im Aufbau-Verlag eine vier­bändige Ausgabe der Werke Puschkins in deutscher Sprache her­aus.

Die Helden vieler Bücher wurden damals bei den Deutschen beliebt, und die offizielle Propaganda trug in einem nicht geringen Maße dazu bei. Es wurden Leser­konferenzen und Treffen mit sowjetischen Schriftstellern veran­staltet.

Die Führung der DDR wollte einen wirtschaftlich starken selbständigen Staat schaffen und dachte, dass die sowjetische schöngeistige Literatur mit dazu beitragen würde. Die Ideologen versicherten, dass der Produktionsroman „Schlacht unterwegs” die Arbeitsprodukti­vität in den Betrieben und Fabriken des sozialistischen Deutsch­lands erhöhen würde.

In den 70er und 80er Jahren waren die Werke von Rasputin, Ajtmatow, Abramow, Astafjew, Below, Bykau und Nossow sehr gefragt. Voller Ungeduld wurde das Erscheinen der deutschen Übersetzung ihrer neuen Bücher, besonders das der „Richtstatt” von Ajtmatow, erwartet. In diesen Jahren wurde das russische Wort als das Wort des freien, wahrheitsgetreuen Gesprächs über das Leben, seine Widersprüche und seine negativen Seiten auf­genommen. Jetzt hätten die Machthaber die Neuheiten auf dem sowjetischen Büchermarkt gerne verschwiegen und die Heraus­gabe dessen, was zur Kritik am stagnierenden Sozialismus auf­rief, in deutscher Sprache gern verhindert. Doch die Informa­tionen darüber sickerten durch, und die Intelligenz wartete auf die Übersetzungen der neuen sowjetischen „Perestroika”-Bücher.

In der DDR wurde  viel gelesen.  Der Hang zur sowjetischen Literatur ebbte mit derselben Geschwindigkeit ab, mit der die Idee vom vereinten Deutschland verwirklicht wurde. Die allgegenwärtige Sorge um die Zukunft – die persönliche und die gesellschaftliche – kehrte alles zum Westen hin: Dort waren die Antworten, die Möglichkeiten und Perspektiven, dort war die Realität von morgen.

Die Verbrüderung mit der UdSSR, die fast vierzig Jahre als erstrebenswert gegolten hatte, ging zu Ende. Eine neue Stim­mung kam auf: Es wird Zeit, sich um seine eigenen Angele­genheiten zu kümmern und nicht willfährig fremde Fehler zu kopieren.

Mit der russischen Sprache verfuhr man hart, aber mit einer gewissen Logik. Wer wollte, sollte eben Russisch lernen, doch die Priorität unter den Fremdsprachen würde künftig dem Englischen zukommen.

Die Zeit der Demagogie und der Parteilosungen ist vorbei. Das russische und das deutsche Volk sind geblieben. Geblieben sind auch die Freunde Russlands. Der Treffpunkt ist noch immer der alte: Das Haus in der Friedrichstraße 176-179 in Berlin.

                                                                  1990-2000. Berlin

 

Aus dem Russischen von Carola Jürchott