2. Kapitel – Das letzte Jahr der Mauer, des Landes und des Sozialismus

 

„Man muss Deutschland nur in den Sattel heben,

reiten kann es allein.”

                                                                                              Bismarck

1989 wurde es, meinen Aufzeichnungen aus dieser Zeit nach zu urteilen, schwieriger, Verständnis von Perestrojka zu ernten.

„23/24. Januar 1989, Neubrandenburg.

Genau am Tag meiner Ankunft in Neubrandenburg ist im „Neuen Deutschland” und in den Bezirkszeitungen der Nachdruck eines Artikels aus der Zeitung „Trud” über die 40 Millionen sowjeti­scher Menschen erschienen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Das hat hier alle aus der Fassung gebracht. In den Vor­ständen der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft standen die Telefone keine Minute still: Die Deutschen konnten es nicht glauben, baten um eine Bestätigung oder ein Dementi dieser Information. Die Funktionäre waren verwirrt. Einmal mehr wurde dem Prestige der UdSSR ihrer Meinung nach großer Schaden zugefügt. Sie sind nicht über die Armut in der Sowjet­union empört, sondern darüber, dass die Zeitungen in der DDR die Fakten veröffentlicht haben. „Wozu?”, fragen sie. „Das ist nur Wasser auf die Mühlen der Feinde unserer Freundschaft, der Feinde des Sozialismus.”

Honecker erklärte, dass „wenn es sein muss”, die Mauer in Berlin noch hundert Jahre stehen würde. Und das kurz nach seinem Besuch in der BRD, der den Menschen noch gut in Erinnerung war. Damals hatte man, wenn man im Fernsehen den herzlichen Empfang sah, den die Bonner Regierung dem Staatsoberhaupt der DDR bereitet hatte, den Eindruck, der Höhepunkt der Konfrontation sei über wunden. Es kam jedoch nichts in Bewegung. Und daher herrschte in der Gesellschaft nach wie vor die Meinung, man könne nichts ver­ändern. Die Sonderstellung der DDR in Europa, die unverbrüch­lichen Bande der Partei und des Staates mit der UdSSR, die auf ostdeutschem Gebiet Militärbasen betrieb, der Konservatismus der über alterten Führung und auch der Charakter der Deutschen selbst, die an Disziplin gewöhnt waren und sich Befehlen und der Macht zu beugen all das gab keinen Anlas zu Hoffnungen auf auch nur die kleinste politische Umgestaltung in diesem Land. Höchstens darauf, dass nach Honeckers Tod die Chance auf Veränderung bestünde. Bei einem Wechsel der Führungs­spitze ändert sich immer etwas.

Einmal kam eine junge Frau auf mich zu:„Ich möchte in die Sowjetunion ausreisen. Wie kann ich das machen? Dort lebt man, und das Leben heißt Kämpfen. Hier herrscht das Spießbürgertum. Die Männer bekommt man nicht aus der Kneipe heraus. Sie wollen nichts, glauben an nichts.”

Selbst zwei Monate vor den Ereignissen des Novembers 1989 hatte niemand eine Vorahnung des „Anfangs vom Ende”.

Meine nächste Aufzeichnung ist auf den 6. September 1989 datiert:

„Mein langjähriger Bekannter Ulrich B., den ich noch von Moskau her kenne, ist in Berlin aus Leipzig gekommen. Die gegenwärtige Haltung „derer da oben” zur Sowjetunion beunruhigt ihn. Er erzählt, dass sie sich einen neuen Terminus ausgedacht haben: „autonome Probleme”, d.h. Probleme, die nur die UdSSR, nicht aber die DDR betreffen.

Und eine Verständigung soll nur über jene Fragen stattfinden, bei denen es keine Widersprüche gibt.

Ulrich erzählte, dass er im Sommer genau zu der Zeit in Ungarn im Urlaub war, als ungefähr 600 Urlauber aus der DDR durch die „Schwachstellen an der Grenze” zwischen Ungarn und Österreich in die BRD geflüchtet sind. Sie haben alles aufgege­ben, alles zurück gelassen – ihre Häuser, Wohnungen, Autos und ihre Verwandten – für die „freie Welt”.

`„Ich kann sie verstehen”, sagte Ulrich. „Die Unfreiheit steht mir bis hier”, er fuhr sich mit der Handkante am Hals entlang. „Es fällt mir schwer einzusehen, dass ich vierzig Jahre alt gewor­den bin und nichts von der Welt gesehen habe und sehe.”

„Aber du bist doch gerade erst vor kurzem in die BRD gefah­ren.”

„Weil ich eine Tante dort habe. Sie ist alt und krank. Ich habe mehrere Male den Antrag gestellt, sie zu besuchen, doch meine Universität hat mir jedes Mal die Zustimmung verweigert. Ich habe einen Skandal gemacht, da haben sie mich fahren lassen.”

„Und wie hat es Dir gefallen?”

„Toll. Obwohl ich weiß, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber mich hat dort nichts gestört.” „Und hier?” „Alles!”

„Vielleicht ist das auch in der DDR die Ruhe vor dem Sturm?”

„Du kennst die Deutschen nicht. Die Deutschen können nicht über ihren Schatten springen. Gegen die Ordnung und die Macht werden sie sich nicht ernsthaft stellen. So sind wir nun mal. Das, was jetzt in der Sowjetunion vor sich geht, würde hier leider nicht möglich.”

Vier Monate später erinnerte ich Ulrich an unser Gespräch vom September. Er hob die Arme: „Wer konnte denn so etwas ahnen?”

Doch die Ereignisse hatten sich so entwickelt.

Die Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze erwies sich als Sprengsatz mit enormen Folgen für die DDR. Dank dem visafreien Reiseverkehr nach Ungarn fuhren die Ostdeutschen, die in den Westen gelangen wollten, angeblich in den Urlaub dorthin und suchten dann für ihre Flucht schlecht kontrollierte Stellen an der „grünen” Grenze. Diejenigen, denen es gelang, die Grenze zu überqueren, schlugen sich bis Wien durch, erhielten in der dortigen Botschaft der BRD westdeutsche Dokumente und fuhren als vollwertige Staatsbürger nach Westdeutschland.

Am 19. August öffneten die ungarischen Behörden nahe der Stadt Sopron die Grenze zu Österreich, um jenen Tausenden Deutschen, die dort auf eine Gelegenheit zur Flucht warteten, die Ausreise zu ermöglichen. Dieses Vorgehen löste eine Protestnote seitens der DDR und die Unterbindung der Urlaubsreisen nach Ungarn aus. Eine weitere Welle der Empörung und der Unzufrie­denheit mit dem Honecker-Regime erfasste das Land.

,, 1. September 1989, Potsdam

Nach einer Vorlesung in der Akademie für Staat und Recht hat mich der Russist B. zu sich nach Hause zum Abendessen ein­geladen. Dort traf ich auch seinen Sohn und dessen Frau, die ebenfalls zu Besuch waren. Das Gespräch drehte sich um die Flüchtlinge, die über Ungarn in den Westen gegangen waren. Sowohl der Vater als auch der Sohn regten sich über die propa­gandistische Heuchelei ihrer Regierung auf. Sie beklagten, dass anstatt über die Gründe für die Flucht zu sprechen, immer wie­der die „Aufwiegelung” durch die BRD und die Verletzung irgendwelcher Abkommen zwischen der DDR und Ungarn ins Feld geführt wurden. Und, so sagte B., es gäbe schon so einiges, wovor man flüchten könnte …”

         „18. September 1989, Leipzig

Abends war ich im Stadtzentrum Zeuge einer Protestdemonstration. In der letzten Zeit finden sie regelmäßig jeden Montag nach dem Gottesdienst in der Nikolaikirche statt. Es versammeln sich diejenigen, die nicht in die BRD ausreisen wollen, sondern Perestroika in der DDR for­dern. Massen von Menschen und Absperrketten der Polizei … Man skandiert „Freiheit” und „Gorbi”. Dieselben Rufe ertönen auch aus den Fenstern von Straßenbahnen und Bussen.”

An den Montagsdemonstrationen in Leipzig nahmen Tausende Bürger der Stadt teil. Nach den Angaben der Zeitungen waren es am 25. September 4.000, am 2. Oktober 25.000 und am 30. Oktober bereits 300.000 Menschen. Leipzig ist auch die Geburtsstätte des bekannten „Neuen Forums”, das die Interessen jener Bürger vertrat, die das Land nicht verlassen wollten. Das „Neue Forum” hatte keine besonders herausragenden Führungs­persönlichkeiten, doch seine Stimme war laut, und es war in mehreren Bezirken der Republik tätig. Es trat gegen die Diktatur der SED auf und forderte die Abschaffung der Mauer.

Die DDR-Führung tat, als bemerkte sie die Unruhen im Volk nicht. Sie bereitete mit aller Kraft die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR vor.

Im August und September tauchte der Name Erich Honeckers fast gar nicht mehr in der Presse auf. Es gab Gerüchte, er sei krank (man sagte, er hätte Nierenkrebs) und würde wohl sicher bald sterben. Doch dann wurde er operiert, genas erstaunlich schnell und trat im Oktober schon wieder in der Öffentlichkeit auf  und fing wieder an, das Land zu regieren.

Unter dem Druck der Regierung der Tschechoslowakei stimmte Honecker der Ausreise der Ostdeutschen nach West­deutschland zu, die sich in der Botschaft der BRD in Prag ver­sammelt hatten. Doch diese Erlaubnis wurde nur unter der Bedingung erteilt, dass sie die DDR zumindest formell mit der Zustimmung der zuständigen Behörden verließen. Zu diesem Zweck mussten die Züge mit den Flüchtlingen aus Prag auf ihrer Fahrt in die BRD noch einmal das Gebiet der DDR passieren, damit die Zollbeamten die für die Ausreise nötigen „Genehmi­gungen” in die Ausweispapiere eintragen konnten. In Dresden, das ich einige Wochen nach diesem „Transport” auf einer Dienstreise besuchte, waren immer noch die Überreste der her­ausgebrochenen Scheiben im Gebäude des Hauptbahnhofs zu sehen. Es wurde erzählt, Tausende Dresdener hätten die vorbei­fahrenden Züge gestürmt, wären in die Waggons gestürzt und hätten sich an die Griffe geklammert, nur um auch in den Westen zu gelangen. Um den Zug anzuhalten, hätten sich sogar einige auf die Schienen gelegt. Es hatte Hunderte von Verletzten und Verhafteten gegeben.

Die Situation im Lande verschärfte sich, aber die Führung bewahrte die Fassung. In einem Kommentar des „Neuen Deutschland” über die Prager Flüchtlinge hieß es: „Niemand wird denen eine Träne nachweinen, die ihre Heimat verlassen.“ Man munkelte, diesen Satz hätte Erich Honecker eigenhändig in den Kommentar geschrieben.

Das Land verließen in erster Linie junge Leute: Menschen unter 40 Jahren. Diejenigen, die gute Aussichten besäßen, Arbeit in der BRD zu bekommen: Ärzte, Krankenschwestern, Kraft­fahrer, Programmierer … In der Charite war es schon schwierig, einen Termin beim Arzt, insbesondere beim Zahnarzt zu bekom­men: es war nicht mehr genügend Personal vorhanden.

Die Feierlichkeiten anlässlich des 40. Jahrestages der DDR waren in gigantischem Maßstab geplant. Und nichts konnte die Vorbereitung stören. Am 6. Oktober kam Michail Gorbatschow nach Berlin. Seine Popularität in der DDR war immens. Gorbi-Porträts prangten auf Säulen, Wänden und in Unterführungen.

Nach der Festveranstaltung im Palast der Republik fand in der Stadt ein gut organisierter, groß angelegter Fackelzug statt. Ein Lichtermeer zog durch Berlins Straßen, schwoll Unter den Linden an und bewegte sich dann in einem breiten Strom auf  den Palast der Republik zu, den Tribünen entgegen, auf denen Honecker und Gorbatschow standen. Uns bot sich ein seltsames Schauspiel. Selbst die unbekümmerten Mienen der jungen Fackelträger in ihren blauen FDJ-Hemden konnten die Asso­ziation mit den aus den Filmchroniken der 30er Jahre bekannten Fackelzügen der Faschisten nicht verwischen, die sich unweiger­lich aufdrängte.

Am HdSWK, an der Ecke Dieckmannstraße (der heutigen Taubenstraße) hielt ein junger Bursche mir völlig unerwartet eine Fackel hin: „Als Souvenir”. Es sollte sich herausstellen, dass es ein Souvenir vom letzten Jahrestag der DDR war. Von einem Fackelzug, der ein Trauerzug werden sollte.

Feuerwerk. Böllerschüsse … In der Jubiläumsrede von Honecker wurden die Flüchtlinge nicht einmal erwähnt. Geredet wurde nur von der Hetzkampagne gegen die Deutsche Demo­kratische Republik, die seitens des Westens vom Zaun gebrochen und im internationalen Maßstab koordiniert worden war. Das brachte die Deutschen in Wut. Protestdemonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei gab es in den Tagen danach in Berlin auf dem Alexanderplatz und in der Schönhauser Allee, aber auch auf den zentralen Plätzen vieler anderer Städte. Immer entschiedener wurden Demokratie und die Modernisierung der Gesellschaft gefordert. Und natürlich die Abschaffung der Mauer: „Die Mauer muss weg!”

Der Satz, den Michail Gorbatschow in diesen Tagen der Jubiläumsfeiern ausgesprochen hatte, sollte sich als prophetisch erweisen: ,, Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.” Das betraf in allererster Linie die Führung des Landes. Nur zehn Tage später schickte das Plenum des ZK der SED Erich Honecker in den Ruhestand. Seine Nachfolge trat Egon Krenz an, ein 53jähri-ger Apparatschik, der in der Vergangenheit Funktionär des Kinder- und Jugendverbandes und die Stütze und Hoffnung Honeckers gewesen war. Die Deutschen äußerten sich missbilli­gend über ihn. Besonders unbeliebt hatte er sich nach einem Besuch in China gemacht, wo er kurz vor seiner Ernennung zum Generalsekretär das Vorgehen der Machthaber gegen die Studen­ten auf dem Platz des Himmlischen Friedens unterstützt hatte.          Trotz alledem wurde die Amtsenthebung des alten und kranken Parteiführers als Fortschritt gesehen. Es waren neue Gesetze und radikale Veränderungen zu erwarten. Doch gerade das wollte niemand mehr – Abwarten. Die Menschen kannten wie ein auf­geschreckter Bienenschwarm kein Halten mehr. Die Straßen bro­delten. Pausenlos wurden der Regierung und dem Politbüro auf Kundgebungen Ultimaten gestellt. Einen Tag, nachdem Egon Krenz den Gipfel der Macht erklommen hatte, forderten Demonstranten auch schon wieder seinen Rücktritt. Dutzende Bürgerbewegungen und Parteien wurden anstelle der ehemaligen Massenorganisationen gegründet. In der Humboldt-Universität stellten die Studenten die Existenzberechtigung der FDJ in Frage und lösten sie bald danach auf.

Es verging kein Tag ohne sensationelle Partei- und Regie­rungsbeschlüsse, Verordnungen und Gesetze. Doch das Volk gab sich mit nichts mehr zufrieden. Die Situation im Land war den Machthabern außer Kontrolle geraten.

Wir sind das Volk!”, war die beliebteste Losung. Unter die­sem Motto ging am 4. November in Berlin etwa eine Million Menschen auf die Straße. Unter ihnen waren nicht nur Berliner, sondern auch Tausende eigens angereister Gäste aus den Bezirken. Die Forderungen nach Reformen und Krenz’ Rücktritt wurden von namhaften Schriftstellern unterstützt. Nach dieser machtvollen Demonstration kam es zum kollektiven Rücktritt des Politbüros, und ein Gesetz über die Ausreise aus der DDR wurde in aller Eile vorbereitet.

Am 9. November wurde in der Nachrichtensendung des Berliner  Fernsehkanals eine Information über das neue Gesetz gesendet. Doch niemand begriff wirklich, worum es eigentlich ging. Man würde wohl abwarten müssen, bis das Dokument am nächsten Morgen in den Zeitungen veröffentlicht wird.  Doch plötzlich wurde um 23 Uhr im ersten Fernsehprogramm der BRD mitgeteilt, dass die Behörden der DDR die Grenze geöff­net hätten … Die Berliner stürmten auf beiden Seiten der Mauer zu den Grenzübergängen. Sollte es wirklich wahr sein? Ein Meer von Menschen … Um Provokationen und die vorhersehba­ren Zwischenfälle zu vermeiden, öffneten die Grenzsoldaten die Sperren, obwohl es keinen Befehl dafür gegeben hatte.

Die ganze Nacht vom 9. zum 10. November über jubelten auf der Mauer und am Brandenburger Tor Tausende glücklicher Deutscher, tranken Sekt und verbrüderten sich. Gegen Morgen wurde das Brandenburger Tor wieder geschlossen.

Nach dieser Nacht der Verbrüderung der Ost- und West­deutschen erschien die Möglichkeit einer Wiedervereinigung nicht mehr irreal. Es wurden Pläne für die stufenweise Vereinigung Deutschlands geschmiedet, doch die Schnelligkeit, mit der die Demontage aller politischen und gesellschaftlichen Strukturen der DDR vor sich ging, war für die ganze Welt über­raschend. Man konnte sich nur noch fragen, worauf sich dieser Staat eigentlich gestützt hatte. Hatte es doch noch vor kurzer Zeit den Anschein gehabt, als würde in der DDR das Modell des Sozialismus in einer höchst attraktiven Form realisiert werden. Und nun war es innerhalb weniger Monate zur Kapitulation des Landes und zu seinem völligen Zusammenbruch gekommen. Gorbatschow war wohl nichts anderes übrig geblieben, als den Lauf der Ereignisse zu unterstützen. Sich einzumischen und die DDR zu retten, war nicht möglich. Und vor wem hätte man sie schützen sollen? Es hatte sie ja niemand überfallen. Sie war vom eigenen Volk liquidiert worden.

In diesen Novembertagen wurden Dutzende bekannter politi­scher Funktionäre vom Sockel gestürzt und durch neue ersetzt. Doch auch die Nachfolger konnten sich in der Regel nicht lange halten. Nur zwei Funktionäre – Hans Modrow, der ehemalige erste Sekretär der Dresdner Bezirksleitung der SED, der nach der Absetzung Honeckers das Regierungsoberhaupt war, und  der vorher nur wenigen bekannte Gregor Gysi, der Vorsitzende der Anwaltskammer, der an der Spitze der bankrotten SED stand, die später in PDS (Partei des demokratischen Sozialismus) umbe­nannt wurde genossen lange Zeit eine hohe Autorität und das Vertrauen der Öffentlichkeit und hatten Einfluss auf die Über­gangsperiode.

Die Mauer war gefallen, die Wiedervereinigung nicht mehr abzuwenden. Das hatten alle begriffen. Jetzt konnte man nur noch die Handlungen des Bundeskanzlers Helmut Kohl, des Architekten der Einheit Deutschlands verfolgen. Gespielt wurde nur noch auf ein Tor.

11. November 1989

Ich fahre nach Leipzig. Im Waggon höre ich Menschen, die sich in Gruppen ungewöhnlich laut und fröhlich unterhalten, obwohl sie sich untereinander gar nicht kennen. Sie machen Witze über ihr Land und seine Führung. Alle sind gelöst, es wird gelacht. Die sonst so zugeknöpften Deutschen haben ihre Angst vor den Machthabern vollkommen vergessen.

Leipzig bezeichnet sich als „Heldenstadt”. Hier hat die Bewe­gung für die Wiedervereinigung und den Fall der Mauer ihren Anfang genommen. Und das ist der erste Sieg – ein Mauer­durchbruch. Am Neuen Rathaus spielt eine Gruppe Musikanten unter einem Transparent mit der Aufschrift „Das Land liegt in tiefer Trauer – es wackelt die Berliner Mauer” Beerdigungs­musik. Sie tragen alle schwarze Kleidung, und die Passanten „kondolieren” freudig. Hier und da gibt es kleine Schlangen vor Banken, die extra an diesem Sonnabendmorgen geöffnet haben, für die einmalige Reise nach Westberlin kann man 15 DDR-Mark in 15 D-Mark umtauschen. Eins zu eins also. Das ist eine unglaubliche Großzügigkeit, denn auf dem Schwarzmarkt wird bereits eins zu sieben getauscht. Außerdem bekommt jeder an der Grenze noch das sogenannte Begrüßungsgeld: 100 DM. Die Freude über die Geschenke des „reichen Onkels” kennt keine Grenzen …”

         „17. November

In der ganzen DDR wimmelt es auf den Bahnhöfen von Menschen, die Züge sind über füllt. Alle zieht es zur Berliner Mauer. Alle wollen „den Westen testen”. Wenn sie die Grenze überschreiten, bekommen sie Geld und Geschenke: Schokolade, Kaffe, Bananen … Die Jugend ist in Ekstase über die Gast­freundschaft, die ihnen Geschenkpakete mit Lebensmitteln beschert. Die Älteren sind diesen „Geschenken” gegenüber skeptisch, einige prophezeien katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen für die DDR nach der Grenzöffnung.”

         „18. November

Keiner besucht mehr HdSWK. Früher sind sie hierher gekommen, um Sensationelles zu erfahren, jetzt gibt es genug davon in den eigenen Zeitungen und im täglichen Leben auf der Straße. Heute ist es einen Monat her, dass Egon Krenz an die Macht gekommen ist. Wie viele Veränderungen hat es seitdem gegeben! Erst gestern haben wieder Tausende Berliner auf dem Alex demonstriert. Sie drängen, üben Druck auf die Machthaber aus, sich vom Sozialismus so weit wie möglich zu entfernen, damit es kein zurück mehr gibt.”

         „21. November

Nach Berlin hat nun auch Prag den Aufstand geprobt. Die Regierung muss zurücktreten! Freie Wahlen müssen her! Das Beispiel macht Schule. Osteuropa sprengt die gehassten Ketten des Sowjetsystems.”

          „25. November

Die DDR versucht, sich vor dem eigenen totalen Ausverkauf zu schützen. In den Geschäften wird gefordert, dass man seinen Ausweis oder eine Meldebescheinigung für Ostberlin vorlegt. Eine Maßnahme, die angeblich notwendig ist, weil die Leute aus dem Westen, darunter auch die Armeeangehörigen Amerikaner, Engländer, an der Grenze Geld zum Kurs von 1 DM: 10 DDR-Mark tauschen und dann hier Kinderkleidung, Schuhe und Lebens­mittel aufkaufen. Sie machen damit Geschäfte. Auch wir zeigen unsere Ausweise vor …”

         „3. Dezember

Heute wird der Außerordentliche Parteitag der SED eröffnet. Es wird erwartet, dass Egon Krenz zurück tritt. Die Emotionen im Volk kochen hoch. In diesem Jahr sind mehr als 300.000 Menschen in den Westen gegangen. Prognosen zufolge werden bis zum Januar noch 200.000 Deutsche die DDR verlassen. Jeder Tag hält neue Überraschungen bereit: in der Politik und im täg­lichen Leben.”

         „4. Dezember

Das ZK und das Politbüro der SED mit Egon Krenz an der Spitze haben ihren Rücktritt erklärt. Nur die Regierung ist noch im Amt.

In Prag wurde einstimmig gegen die „führende Rolle” der Kommunistischen Partei gestimmt. Bulgarien befindet sich nach dem Sturz Schiwkows am Scheideweg: in welcher Richtung soll­te es weitergehen? Der Blick ist auch hier gen Westen gerichtet. Ungarn hat uns vor allen anderen verlassen. Und im Kreml wird immer noch diskutiert und degradiert.”

         „Sonnabend, 9. Dezember

Wir waren mit Kindern im Stadtzentrum spazieren. Auf dem Alexanderplatz scharten sich Gaffer um ein großes Schild, das an einem alten Trabant befestigt war. Auf dem Schild stand: „Erich Honecker ist ein Verbrecher. Er trägt die Schuld am Ruin der DDR. Wann werden Honecker und seine Truppe endlich vor Gericht gestellt? Alter schützt vor Strafe nicht. Ich fordere einen Prozess gegen Honecker. Her dafür ist. kann hier unterschreiben!” Auf der Motorhaube des Autos lag ein dickes Hauptbuch, in dem viele unterschrieben. In der Menge gab es Streit, Beschimpfungen, und beinahe kam es sogar zu Hand­greiflichkeiten. Offensichtlich herrscht auch in dieser Frage keine Einigkeit.

Honecker wird die Schuld an vielem Haarsträubenden gege­ben, das in der DDR passiert ist, hauptsächlich jedoch wird ihm seine Mittäterschaft an der Ermordung von Republikflüchtigen vorgeworfen. An der Betonmauer in Berlin waren innerhalb eines Vierteljahrhunderts 98 Person ums Leben gekommen, außerdem 50 starben beim Versuch, die deutsch-deutsche Grenze an anderen Orten zu überqueren.

Der Außerordentliche Parteitag der SED geht weiter. Auf den Straßen finden Kundgebungen über Kundgebungen statt. An unserem HdSWK vorbei zieht sich ein nicht enden wollender Strom von Menschen vom und zum Checkpoint Charlie, nach Westberlin und zurück.”

19. Dezember

Die Stasi (das Ministerium für Staatssicherheit) wird aufge­löst. Dieser Geheimdienst ist verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt. Dabei wurden dort, sagt man, fast 100.000 Menschen als Mitarbeiter geführt. Und das für 16 Millionen Einwohner! Nach ihrer Entlassung werden sie in ande­ren Einrichtungen nicht mehr eingestellt. An den Betriebstoren hängen Aufschriften wie „Keine Arbeit für Stasi-Mitarbeiter”. Gestern sind aus Potsdam unsere Bekannten, Russisten, gekom­men. Sie haben erzählt, dass der Mann ihrer deutschen Kollegin an der Pädagogischen Hochschule, ein Oberstleutnant der Staats­sicherheit, schon arbeitslos ist. Gegen ihn wird gehetzt. In den Schulen kommt es vor, dass Kinder ihre Altersgefährten verprü­geln, wenn sie wissen, dass deren Väter bei der Stasi waren.”

„22. Dezember

Helmut Kohl ist nach Gesprächen mit Hans Modrow in Dresden nach Berlin gekommen und von Ostberlin nach West­berlin durchs Brandenburger Tor gegangen. Ein symbolischer Akt. Das war um drei Uhr nachmittags. Eine große Kundgebung am Brandenburger Tor, jubelnde Menschenmassen. Bis Mitter­nacht wurde das Tor offen gelassen. Tausende Ost- und West­berliner tollten um die Säulen herum und auf der Mauer selbst, die von Scheinwerfern in ein helles Licht getaucht war. Verbrüderungen über all und Sekt, der reihum aus der Flasche getrunken wird. Ich habe die Euphorie genutzt und mich im Menschenstrom bis zum Reichstagsgebäude treiben lassen. Von allen Seiten ertönt das Geräusch berstenden Betons. Die Mauer wird mit Vorschlaghämmern, Brecheisen und Hämmern bearbei­tet – die „Mauerspechte” klopfen sich Souvenirs ab! Ein kleines Stück haben wir jetzt auch …”

,,1. Januar 1990

Das Jahr des Pferdes hat dem chinesischen Horoskop zufolge

seinen Lauf begonnen. Gestern abends sind wir um 19 Uhr mit unseren Gästen aus der Sowjetunion und den Kindern zum Brandenburger Tor gegangen. Hunderte von Menschen haben dort im Vorgefühl der Vereinigung rittlings die Mauer erklom­men und sitzen nun oben wie die Hühner auf der Stange und jubeln im „Niemandsland”. Neben dem Tor sind Scheinwerfer und eine riesige Videoleinwand aufgebaut. An ihrem Gerüst klet­tern angetrunkene Waghalsige nach oben, auf die Waagerechte des Brandenburger Tors, immer weiter hinauf bis zur Quadriga.

Nachdem wir auf das Neue Jahr angestoßen haben, gehen wir gegen ein Uhr wieder auf die Straße Unter den Linden hinaus. Dort erwartet uns ein Gewühl von Menschen inmitten des Kanonendonners des Feuerwerks. Mit lautem Getöse werden Raketen abgefeuert. Von den unzähligen prächtigen Feuerwerks­sternen, die ohne Pause in die Lüfte steigen, ist es taghell. Man spürt einen Druck auf den Ohren und wird ständig geblendet. Unter den Füßen detoniert ständig irgendetwas. Das ist kein Spaziergang, sondern ein Strudel, der einen direkt in die Hölle führt.   Ein Notarztwagen bahnt sich den Weg durch die Menschenmenge. Wir sind schlau genug, nicht weiter bis zum Brandenburger Tor zu gehen. Mit Mühe kämpfen wir uns bis zum Straßenrand durch…

Am nächsten Morgen erfahren wir aus den Fernsehnach­richten, dass es vor dem Hintergrund der Euphorie zu einer „triumphalen” Tragödie gekommen ist. Das Gerüst der Video­leinwand hat dem Gewicht von Hunderten von Menschen nicht standgehalten, die auf die Oberseite des Tores geklettert waren, und ist eingestürzt. In die Menschenmenge hinein. Es gab viele Verletzte und einen Toten – einen 24jährigen Jungen aus Westberlin. 55 Menschen mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Den Meldungen zufolge, sind in der Neujahrsnacht etwa 500 Leute dort oben, zu Füßen der Siegesgöttin, gewesen. Die Quadriga hat Spuren des Vandalismus davongetragen.”

         „13. Januar

Es wurde bekanntgegeben, dass ab dem 15. dieses Monats eine ganze Reihe von Erzeugnissen für Kinder teurer wird.”

30. Januar

Die Preise steigen. Die Deutschen erhalten als Ausgleich für die Preissteigerungen Lohnerhöhungen.

         „4. Februar

Das vereinte Deutschland rückt immer näher. Die Frist für die Vereinigung kann unerwartet kurz sein. Hans Modrow spricht von einer stufenweisen Vereinigung, doch nach den Wahlen im März werden die Ereignisse stark forciert werden.”

         „10. März

Das fand lebt in Unsicherheit. Offiziell sind fast zwei Millionen Arbeitslose registriert. Und das in der DDR! Men­schen mit Hochschulabschluss wird angeboten, die Straße zu fegen.”

„17. März

Vor zwei Tagen war ich in Neubrandenburg – auf dem abso­luten Höhepunkt des Wahlkampfes. Im Stadion ist Hans Modrow aufgetreten und hat für die PDS geworben. Es waren einige Tausend Einwohner der Stadt gekommen. In diesem Bezirk gibt es eine starke Bewegung für die erneuerte SED-PDS. Ich habe mir die Losungen einiger Wahlplakate verschiedener Parteien abgeschrieben. Von Säulen und Wänden:

Wir sind ein Volk! Wohlstand für alle!”

„Der Weg ist frei: Die Einheit kommt”

„Die Zukunft hat zwei Namen: Gysi und Modrow”

„ Nie wieder Sozialismus!“

„Allianz für Deutschland!”

„Wählt grün!

„Keine BRDigung der DDR!

„Wohlstand statt Sozialismus”

 „ Die ehrliche Alternative – wir wählen SPD “

 „Eine bessere Zukunft muss man nicht nur wollen, sondern auch wählen.”            … usw.”

         „19. März

Die CDU, die Partei Helmut Kohls, hat gewonnen. Daran hatte eigentlich auch niemand gezweifelt. Jetzt nehmen die Ereignisse ihren Lauf…”

Und sie haben ihren Lauf genommen wie eine Lawine. Am 12. April wurde auf der Grundlage der im Parlament erzielten Sitzverteilung die neue Regierung der DDR gebildet. Der Korrespondent des sowjetischen Fernsehens in der DDR Wjatscheslaw Mostowoj kommentiert ironisch: „Die Regierung de Maiziere ist die einzige Regierung der Welt, die danach strebt, ihre Existenz so bald wie möglich zu beenden.“

Die Ungeduld in Bezug auf die Vereinigung war sowohl bei den einfachen Menschen als auch bei jenen, die an den Hebeln der Macht saßen, groß. Man sorgte sich um die Zukunft, um den Umtauschkurs der Mark bei einer Währungsunion. In welchem Verhältnis werden die Banken Sparguthaben eintauschen? Eins zu eins, eins zu zwei, eins zu drei? Die Gerüchte kamen und gin­gen und hielten so alle in Atem und in ständiger Spannung. In den Geschäften gab es einen unglaublichen Preisverfall. Fast für Pfennigbeträge konnte man Jacken, Schuhe, Anzüge, Blusen usw. kaufen. Was früher einmal zwischen 50 und 100 Mark gekostet hatte, kostete nun fünf bis zehn Mark. Das klang ver­führerisch. Doch die Deutschen hatten keine besondere Eile damit, ihr Geld auszugeben: Was, wenn es wirklich einen Umtauschkurs von eins zu eins geben würde? Dann wäre die Kaufkraft der Mark noch höher…

Die Bedingungen für den Geldumtausch wurden erst kurz vor den Maifeiertagen bekanntgegeben. Bis zu 4000 DM Spargut­haben wurden eins zu eins getauscht, alles, was darüber lag, eins zu zwei. Ein völlig annehmbarer Kurs. Doch noch zwei Monate dauerte die Versuchung an, das DDR-Geld für Waren auszuge­ben, die fast für umsonst aus den Lagern über den Ladentisch gingen. Es konnte einem schwindlig werden von dieser „Unwirklichkeit”. Möbel und technische Erzeugnisse aus der DDR-Produktion wurden billiger. Es wurde noch so viel DDR-Geld wie möglich bei der Bevölkerung abgeschöpft, damit es später nicht in die harte Währung umgetauscht werden musste.

„10 -12.Mai 1990. Erfurt

Die Tage des HdSWK in diesem Bezirk. Von uns ist ein großes Team hierher gekommen: 15 Mitarbeiter. Wir wurden im Hotel der PDS (der ehemaligen SED) in der Eislebender Straße untergebracht. Unsere Veranstaltungen, die wir gemeinsam mit den Parteifunktionären geplant haben, werden fast nicht besucht. Mal drei oder vier Leute, mal kommt auch überhaupt niemand. Die einzige Ausnahme sind die Begegnungen mit Walerij Bykowski. Da sind die Säle gut besucht. Hier wirkt wahrschein­lich noch der Popularitätseffekt des ehemaligen Kosmonauten.

Die Vertreter der PDS tun zwar groß, doch die Partei hat kei­nen Zugang mehr zur großen Politik. Und das ist jedem klar. Genauso, wie die Tatsache, dass heutzutage nicht mehr Pflicht ist, Freundschaft zur Sowjetunion zu beweisen und sich mit sowjetischen Genossen zu treffen, ja, dass es sogar schaden kann.”

14. Mai

Im Vorstand der Gesellschaft für Deutsch-sowjetische Freundschaft in der Mohrenstrasse erhielt ich heute die „Ehrennadel in Gold”, eine Auszeichnung der Gesellschaft für „herausragende Leistungen bei der Entwicklung und Festigung der deutsch­sowjetischen Freundschaft”. Es war wahrscheinlich eine der letzten Feierlichkeiten dieser Art.”

„22. Mai

Die Kontrollen an den Grenzübergängen nach Westberlin sind gänzlich abgeschafft. Es gibt weder Zoll- noch Ausweiskontrollen durch die Polizei. Ich bin in den Westteil gegangen, obwohl für die sowjetischen Mitarbeiter der Bot­schaft und des HdSWK die Mauer weiterhin besteht: Die Parteileitung hat keine Anweisung erhalten, uns nach Westberlin zu lassen.”

 

“24. Juni

Ich habe meine Familie auf die andere Seite der Mauer geführt: meine Frau und die Kinder. Es ist ungewohnt. Wir kamen uns vor wie Gesetzesbrecher. An der Mauer ist die Arbeit in vollem Gange. Mit Brecheisen und Meißeln ergattert man sich historischen Souvenirs. Auch mein Sohn und ich haben ein Stück von der Mauer abgeklopft. Es ist gar nicht leicht, ein bemaltes Stück aus dem Betonmonolith herauszubrechen.”

         „ 1. Juli  1990

In der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli hat die DDR-Mark auf­gehört zu existieren, und der Vertrag über die Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der DDR und der BRD ist in Kraft getre­ten. Jetzt hat das Land keine eigene Währung und keine Symbole mehr. Die DDR-Fahnen sind schon früher von den öffentlichen Gebäuden verschwunden. Die Grenze ist offen. Leb wohl, DDR!

Um 7.30 Uhr begann heute Morgen der Geldumtausch. Er ist hervorragend organisiert – schnell, genau, ohne Schlangen. Es gibt in jeder Straße mehrere Wechselstellen.”

         „4. Juli

Ostberlin hat sich verändert. In den Geschäften gibt es west­liche Waren, Technik und Lebensmittel. Die Gerüchte, sie wür­den im Vergleich zu den Ostpreisen teurer werden, haben sich bisher nicht bestätigt. Eigentlich ist fast alles billiger außer viel­leicht Brot. Die vielgepriesenen Bananen, die den Ostdeutschen zu Zeiten der DDR so gefehlt haben, gibt es im Überfluss. Zum Abend hin fallen auch dafür die Preise wie für alles andere Obst und Gemüse auf den Märkten.”

         „15. Juli 1990

Jeden Tag laufen wir durch Westberlin. Die Stadt ist reich und gepflegt. Die Fußwege zwischen dem Brandenburger Tor und dem Großen Stern sind von Touristen aus aller Welt zu großen Schlafpritschen umfunktioniert worden. Morgens kann man dort vor Schlafsäcken, Zelten, Rucksäcken, Armen und Beinen kaum treten. Die Mauer ist gefallen, nun wird sie auseinandergenom­men. Dabeizusein heißt, die Geschichte mit eigenen Augen zu sehen.”

Der deutsche Schriftsteller Johannes R. Becher hat einem sei­ner Romane einen traurigen Titel gegeben: „Abschied”. Er beginnt mit Zeilen, die nun für uns hätten geschrieben sein kön­nen:

„Abschiedsmusik ertönt. Eine Abschiedsfeier beginnt. Wir sind alle dazu eingeladen. Es gilt Abschied zu nehmen, von Menschen und Zeiten. Von vielem, was uns verwandt und teuer war, nehmen wir Abschied, und das Scheiden tut weh.

Aber wir nehmen auch Abschied, fröhlich nehmen wir Abschied, ohne „Auf Wiedersehen!” zu sagen, ohne „Lebe wohl!”.

         Von uns selbst nehmen wir Abschied in langen schmerzlichen

Abschiedsstunden, denn von dem Vergangenen scheidend, muss auch von dem Vergangenen in uns selbst geschieden sein.

         Manches auch lebt weiter, von dem wir glaubten, auf immer Abschied genommen zu haben.

         Darum sagen wir nicht zu voreilig:

„Auf Nimmerwiedersehen!”

         Abschied. Und: Es soll anders werden! Mach dich fertig! „ Vergiss das viele Gute nicht!” mahnt es dich, und es warnt dich zugleich: „Gib acht! Schau nach, was du mitnimmst!”

         Die Zeit des großen Abschiednehmens war gekommen.

…Leb wohl, nicht nur Du, DDR!

 

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