1. Kapitel – Das Haus in der Friedrichstraße

„Was ich besitze, sehe ich wie im Weiten,

und was verschwand,

wird mir zu Wirklichkeiten”.

                                                                                      Goethe

 

         „Das Haus der sowjetischen Wissenschaften und Kultur wurde im Jahre1984  auf Beschluss der Regierungen der UdSSR und der DDR erbaut, und es ist ein Symbol der erstarkenden Zusammenarbeit und der unverbrüchlichen ewigen Freundschaft unserer Länder und Völker.” Diese Worte wurden gern im einleitenden Teil der Führungen erwähnt, die im Haus für Berliner Betriebe, für Schüler und Studenten durchgeführt stattfanden. Auch Besucher aus anderen Städten Ostdeutschlands kamen, um das sowjetische Haus in der Friedrichstraße kennenzulernen. Die Mitglieder der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft führten hier ihre Festveranstaltungen, Freundschaftsabende und Treffen mit Gästen aus der Sowjetunion durch.

Das Haus der sowjetischen Wissenschaften und Kultur an der Stelle gebaut wurde, an der vor dem 1945 Kaufhaus, Hotel und Restaurant waren. Die Straße selbst erhielt ihren Namen übrigens zu Ehren des ersten Preußenkönigs Friedrich I. (1657-1713), des Vaters Friedrichs des Großen, noch zu seinen Lebzeiten, im Jahre 1705.

Nicht weniger alt sind auch die an das Haus angrenzenden Straßen. Die Taubenstraße ist seit 1691 bekannt und verdankt ihren Namen dem dort gelegenen kurfürstlichen Taubenschlag. Der Name der Jägerstraße, die 1709 erstmalig im Stadtplan ver­zeichnet wurde, stammt von dem Jagdhaus, das sich in dieser Straße befand. Hier kehrte der Kurfürst ein, wenn er im Wald, auf dessen Gelände sich heute der Tiergarten befindet, zur Jagd ritt. Und schließlich die Französische Straße: Sie wurde im Jahre 1696 angelegt und erhielt ihren Namen im Jahre 1706. Hier sie­delten sich die Hugenotten an – Protestanten, die sich vor der Verfolgung durch den französischen König in Sicherheit bringen mussten.  So entstand  in  Berlin eine große  Kolonie von Handwerkern, die hier Zuflucht fanden und ihre eigene französi­sche Kirche hatten.

Zu den Zeiten der DDR fiel selbst die zentrale Straße Unter den Linden durch eine erstaunliche Menschenleere und ein wenig bemerkenswertes Nachtleben auf. Auch die Friedrich­straße, in der sich das Haus der sowjeti­schen Wissenschaften und Kultur befand, war nicht gerade in grelles Licht getaucht. Das Grand Hotel gab es noch nicht, der Bau der Konsumtempel gegenüber war noch nicht einmal begon­nen. Der Verkehr im Abschnitt von der Straße Unter den Linden bis zur Leipziger Straße war ausgesprochen ruhig und mündete in eine Sackgasse, die zum Grenzübergang Checkpoint Charlie führte. Die U-Bahn-Ausgänge an der Französischen Straße waren seit 1961, als Berlin durch eine 45 Kilometer lange Mauer geteilt wurde, fest verriegelt. Die Mauer durchtrennte Straßen­züge, Plätze, Parks, Wege und einen Fluss.

Zum Ostteil gehörte fast der gesamte historische Stadtkern mit der Universität, der Staatsbibliothek, Museen und Theatern, die nach den Zerstörungen durch die Bombenangriffe wieder­aufgebaut worden waren. Im englischen Sektor befand sich das aus Ruinen wiedererrichtete Reichstagsgebäude, auf dessen Dach im Mai 1945 junge Soldaten aus der Sowjetunion die Rote Fahne des Sieges gehisst hatten. Den Blick auf diesen düsteren grauen Koloss versperrten nicht nur die Gitter der Absperrung, die in einer Entfernung von etwa 200 Metern zum Branden­burger Tor aufgestellt wurde, sondern auch die dichten Baum­kronen auf der anderen, der westlichen Seite.

Die Fassaden der Häuser, die damals noch in der Französischen, der Mohren- und der Mauerstraße standen, waren von Geschossen und Granatsplittern durchlöchert. Der Wind der Vergangenheit blies einem förmlich ins Gesicht. Von hier, von dieser Stadt waren zwei Weltkriege ausgegangen, und die sicht­baren Spuren des letzten, auch schon lange vergangenen, über­raschten uns.

Das neue sowjetische Haus in der Friedrichstraße, das nach Entwürfen des deutschen Architekten Karl-Ernst Swora erbaut wurde, beeindruckte die Besucher durch seine enormen Ausmaße. Auf einer Fläche von 20.000 Quadratmetern waren sechs riesige Ausstellungssäle, zwei Konzert- und Kinosäle, vier Konferenzsäle, ein Musiksalon, der Salon „Berlin-Moskau” für besonders festliche Treffen und Empfänge sowie eine Vielzahl von Arbeitszimmern, zwei kleine Cafes und sogar eine Sauna untergebracht …

Meine Arbeit in Berlin fiel in eine interessante, anstrengende und -ohne Übertreibung gesprochen – historische Zeit. Als ich anka­m, erlebte  ich dieses Land noch als blühend, diszipliniert, der Idee des Sozialismus und uns, den sowjetischen Befreiern vom Faschismus treu ergeben. Den Touristen und Dienstreisenden, die aus der Sowjetunion kamen und nicht gerade durch ein rei­ches Angebot an Waren und eine ausgeprägte Servicekultur ver­wöhnt waren, erschien die DDR fast wie das Gelobte Land. Lebensmittel und Kleidung gab es in Hülle und Fülle.

Vielleicht wird dieses Schaufenster des Sozialismus ja nur durch russischen Schweiß genährt? “

Doch dieses Schaufenster, wenn man es denn so nennen konnte, stützte sich nicht nur auf die unbestreitbare Hilfe der Sowjetunion in der Entstehungsphase der DDR, sondern in wesentlichem Maße auch auf die Arbeit der Ostdeutschen selbst

auf ihre Disziplin, ihre Akkuratesse, die Qualität ihrer Produkte. Auch die Zusammenarbeit mit Westdeutschland hat geholfen. Sie wurde durch das de facto erhalten gebliebene System des „Interzonenhandels” der Nachkriegszeit erleichtert.

Die DDR war stolz auf ihre Landwirtschaft. Sogar die deut­sche Jugend selbst bewertete das Bildungssystem positiv. Die Frauen hatten einen voll bezahlten freien Tag pro Monat. Mit dem Wohnraum gab es keine großen Probleme. Junge Leute im Alter von 18 bis 25 Jahren konnten, selbst wenn sie noch keine Familie gegründet hatten, eine eigene Wohnung bekommen. Offensichtlich hatten die Machthaber in der DDR die Worte des Malers Heinrich Zille, gut gelernt: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung auch erschlagen.“

Die Kriminalitätsrate war in der DDR außerordentlich nied­rig. Auch Drogensüchtige gab es nicht. Das war allerdings auch dadurch zu erklären, dass der internationale Drogenhandel einen Bogen um die Länder machte, die nicht über eine frei konver­tierbare Währung verfügten. So diente die Ostmark auf ihre Weise als Schutz vor der Einfuhr von Drogen.

Es gab also einiges, worüber wir uns wundern und worum wir dieses kleine sozialistische Land beneiden konnten.

In der DDR gab es viele Neubauten. Jede Stadt hatte ihre Satellitenbezirke mit den Glasfassaden von Einkaufszentren und Schwimmhallen. Doch ungeachtet dessen war nur in sehr weni­gen Städten das historische Zentrum in einem ordentlichen Zustand. Der Anblick alter Straßen und Plätze mit den verfalle­nen, vom Ruß schwarz verfärbten Hauswänden rief Unver­ständnis hervor. Ruinen, die der Krieg hinterlassen hatte, konnte man am Ende der 80er Jahre sogar noch in Berlin, unweit der Straße Unter den Linden sehen. Im ganzen Land fehlte es an Mitteln für die Restaurierung und an Arbeitskräften für die Bauarbeiten.

1987 erschütterte mich das Stadtzentrum der kleinen Universitätsstadt Greifswald im Norden der DDR. Stark beschä­digte Häuser, die gestützt werden mussten und von denen der Putz abgefallen war. Herausgerissene Pflastersteine. Han­delte es sich dabei auch noch um Spuren des Krieges? Weit gefehlt! 1945 war die Stadt kampflos und ohne Blutvergießen an die sowjetischen Truppen über geben worden. Wie die Witwe des damaligen Kommandanten erzählte, hatte ihr Mann das getan, um die Stadt zu erhalten. Sowohl die Architekturdenk­mäler als auch die Wohnhäuser waren in einwandfreiem Zustand an den neuen Staat über gegangen. So hatte also ihr beklagens­werter Anblick mit dem vergangenen Krieg nicht das Geringste zu tun.

Dieselben Bilder der Selbstzerstörung historischer Stadtkerne habe ich in kleinen Städten wie Güstrow, aber auch in Groß­städten wie Erfurt gesehen. Auch die schwierige ökologische Situation vieler Bezirke der DDR war auffallend. Den wohl bedrückendsten Eindruck hatte ich von Halle, das ein Ballungs­zentrum der chemischen Industrie war. Die von den eingeleiteten Chemikalien giftig gewordene Saale, die vergiftete Luft, die ster­benden Wälder… Es hieß, dass es in Halle nicht nur gefährlich sei, aus Stauseen zu trinken, sondern sogar zu baden und zu atmen.

In der Presse und im Fernsehen wurden die Probleme ver­schwiegen, um das Image eines Staates, in dem der Sozialismus gesiegt hatte, nicht zu untergraben. Mündlich wurde jedoch Kritik geübt – auf Konferenzen, Tagungen und Seminaren. So hörte ich im September 1986 aus dem Munde eines angesehenen Leipziger Ökonomen die Worte: „Soviel man uns auch erzählt, der Kapitalismus sei zum Scheitern verurteilt, wird doch der Sozialismus mit seinem miesen Trabant davon auch nicht besser. Das Symbol des Westens ist der Mercedes, der mit Elektronik nur so vollgestopft ist, und wir haben diese stinkende Seifenschachtel ohne jeglichen Komfort. “

In der DDR mangelte es an teuren, hochwertigen Gütern, besonders auf dem Techniksektor. Jahrzehntelang musste man selbst auf den vielgepriesenen Trabant warten, über den schlecht zu reden offiziell verboten war. Die Einwohner der DDR vergli­chen in den letzten Jahren buchstäblich alles mit dem Westen. Und das Ergebnis dieser Gegenüberstellung führte nicht gerade zu neuem Optimismus. Doch die Parteifunktionäre gaben ihre Positionen nicht auf.

         „Der Westen behauptet, der Sozialismus sei ein Fehler der Geschichte. Wir aber sagen: Der Sozialismus ist die Zukunft der Menschheit!”, sagte ein Sekretär der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft bei einem Treffen mit dem Kollektiv des Hauses der sowjetischen Wissenschaften und Kultur. Man schrieb den Herbst 1986.

Die Arbeitsproduktivität in der DDR betrug 30 Prozent der Arbeitsproduktivität in Westdeutschland. Auch das war allen bekannt. Doch die Hauptursache der allgemeinen Unzu­friedenheit war, dass die DDR-Bürger nicht ins nichtsozialisti­sche Ausland reisen durften. Die westliche Welt war für die arbeitsfähige Bevölkerung praktisch verschlossen, sie hätten ja dorthin bleiben können.

Die Unzufriedenheit mit dem Leben kam in der Kunst und besonders in der Malerei und Grafik offener und deutlicher zum Ausdruck. Im Herbst 1987 war ich in Leipzig in einer Aus­stellung von Plakaten mit einem schockierenden Emblem am Eingang: Ein nackter Mensch steht auf allen Vieren und schaut unter seinem nackten Hinterteil hindurch ironisch auf die Eintretenden. Sozusagen ein Blick durch den A… In drei oder vier kleinen Räumen prangerten Dutzende von Plakaten und gegenständlichen Installationen die ideologischen, ökologischen und wirtschaftlichen Probleme des Sozialismus an. Und in der Mitte, inmitten aufgetürmter Karikaturen, verkündete ein hässli­cher Pappkopf mit beweglichem Kiefer unablässig und monoton mit einer murmelnden Radiostimme:

„Alles ist gut… Das Leben ist schön … Alles ist gut… Das Leben ist schön …”

In Erinnerung geblieben ist mir auch ein Plakat, das den Gebrechen der Hauptstadt gewidmet war, die in jenem Jahr ihre 750-Jahr-Feier beging. Der Bär, das Wappentier Berlins, liegt im Bett, und der Arzt sagt zu einer Krankenschwester: „Schwester, ich glaube, am Bett dieses Kranken müssen Sie bis zum Ende des Jahrhunderts bleiben.“ Die Prognose der Karikaturisten hat sich als unzutreffend erwiesen: Bereits drei Jahre später tanzte der Bär im Freudentaumel durch beide Teile des vereinten Berlins.

Doch all diese Kritik war leise, lokal und auf die alltägliche Ebene beschränkt. An Feiertagen und bei Festveranstaltungen skandierten alle gemeinsam Hochrufe auf die SED mit Erich Honecker an der Spitze, auf die DDR als Vorhut des Friedens und Sozialismus auf deutschem Boden. Ständig wurde die nicht­vorhandene Arbeitslosigkeit ins Feld geführt, die sozialen Vergünstigungen für alle Bevölkerungsschichten, die niedrigen Fahrpreise, die geringen Eintrittspreise für Kinos und Theater und die niedrigen Preise in Restaurants. Die Verletzung der Meinungs- und Reisefreiheit und des Rechtes auf das Verlassen des Landes wurden mit der Notwendigkeit erklärt, die DDR vor den Intrigen und der Propaganda des feindlichen Westens zu schützen.

Die östlichen Ideologen sorgten dafür, dass bei der Bevölke­rung der Gedanke von der Unvereinbarkeit der Gegenwart der zwei deutschen Staaten Fuß fasste, der Gedanke von der Unum­kehrbarkeit der von den Ostdeutschen getroffenen Wahl des sozialistischen Systems. Doch die westdeutschen Waren, das Wohlstandsniveau der Deutschen jenseits der Mauer führten die Bemühungen der Politbüromitglieder auf den Tribünen ad absur­dum. Die Zahl der Ausreisewilligen stieg von Jahr zu Jahr. Besonders stark zog es die Jugend, die mit dem Klassenstand­punkt zur deutschen Frage nicht einverstanden war, auf die ande­re Seite der Mauer. Die Mauer selbst war innerhalb eines Vierteljahrhunderts zu einer, wie es schien, uneinnehmbare Festung geworden. Das Recht, in den Westen zu fahren, hatten nur Rentner, Menschen, die nicht an der gesellschaftlichen Arbeit teilnahmen. Die Jugend war dazu verdammt, das Leben ihrer einstigen Landsleute bis ins Alter nur im Fernsehen zu betrachten. Übrigens war auch dieser Segen dem Volk erst in den letzten Jahren zuteil geworden. Vorher war es verboten gewesen, seine Fernsehantennen auf den Empfang westlicher Sender auszurichten. Ideologisch wankelmütige Fernsehzuschauer wurden mit Partei- und Disziplinarverfahren über zogen. Es hat Fälle gegeben, wo in den Schulen die Thälmannpioniere gebeten wur­den, ihre Lehrer zu informieren, ob ihre Eltern westliche Fern­sehsender empfangen.

Diejenigen, die von Besuchs- oder Dienstreisen nicht zurück kehrten, wurden mit Schande bedacht. Der Makel der Unzuverlässigkeit haftete auch an ihren Verwandten. „Haben Sie schon gehört, dass Renates Sohn in den Westen geflohen ist? Was wird denn jetzt aus ihrem Mann? Er hat doch einen verantwortungs­vollen Posten …”

In der Mitte der 80er Jahre war der praktisch ungehinderte einseitige Besuch von Bürger in Westdeutschlands in der DDR (zu einem Mindestumtauschsatz von 25,- DM) gang und gäbe geworden, wodurch zusätzliche, „lebendige” Informationen über das Leben in jenem anderen Deutschland ins Land kamen. Die Staatssicherheit hat dabei natürlich nicht geschlafen. Häufig hatte man Angst, die übers Wochenende zu Besuch gekommenen Verwandten in der eigenen Wohnung zu empfangen und traf sich mit ihnen im Restaurant.

Schon bald nach seiner Eröffnung begann das Sowjetische Haus in Berlin das Neue zu verkörpern, das in der Sowjetunion und der Welt dank der Politik Gorbatschows vorging. Bei den Ostdeutschen keimte die Hoffnung auf grundlegende Verände­rungen nicht nur in der UdSSR, sondern auch in ihrem eigenen Land auf. Sie waren die Dogmen leid, die den gesunden Menschenverstand beleidigten, die Parteidiktatur und das absur­de Primat ideologischer Richtlinien gegenüber dem persönlichen Wohl, die hochtrabende Demagogie, die Kluft zwischen Worten und Taten. Das Haus in der Friedrichstraße gab den Berlinern die Möglichkeit, den frischen Wind der Veränderungen zu spüren.

„Berichten Sie uns über die Perestroika”, diese Bitte wurde mündlich und schriftlich von Bezirks- und Kreisverbänden der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, von Vertretern von Betrieben, Fabriken, Forschungsinstituten und Hoch­schulen aus verschiedenen Bezirken an das HdSWK herangetra­gen.

Jeden Donnerstag fand im Haus in der Friedrichstraße das sogenannte „Politische Panorama” statt. Der Kleine Saal war bis auf den letzten Platz mit Zuhörern besetzt, obwohl es eine Zeit gab, in der der Besuch des Hauses als Brutstätte dem Sozialismus fremder Ideen gar nicht gern gesehen wurde. Honecker und seine Mannen, ebenso wie die ihnen unterstellte Presse, verschwiegen viele wichtige Aktionen der Perestroika und ließen keine vollständige Berichterstattung über die in der UdSSR vor sich gehenden Veränderungen zu. Deshalb nahm die Popularität des HdSWK als Informationsquelle zu.

Das Haus war nicht nur Anziehungspunkt für die Berliner. Zu uns kamen auch die Einwohner vieler Bezirke der Republik, um unmittelbar von sowjetischen Menschen etwas über die Pere­stroika zu hören, ihre Fragen zu stellen und „Dampf abzulas­sen” über die eigenen Führungskräfte und die von ihnen zu verantwortende Stagnation. Die zu dieser Zeit von der Presseagentur Novosti herausgegebenen Broschüren in russi­scher und deutscher Sprache wurden uns buchstäblich aus den Händen gerissen. Mit einer Begeisterung, als ob es sich um Krimis handelte, lasen die Deutschen die Reden Michail Gorbatschows, die Materialien der ZK-Plänen der KPdSU und die Dokumente der Parteikonferenzen und gaben sie unter­einander weiter. Die kleinen Heftchen wurden sogar zum Spekulationsobjekt auf dem Schwarzmarkt in Halle, Rostock und anderswo.

Einen regelrechten Boom löste das Buch „Das neue Denken ” von Michail Gorbatschow aus. Im Westen wurde es sehr schnell ins Deutsche über setzt, doch Honecker konnte sich lange nicht entschließen, das Buch für seine Landsleute verlegen zu lassen, was das Interesse und den Wert jedes wie durch ein Wunder ergatterten Exemplars vervielfachte.

Das Vertriebsverbot für die Zeitschrift „Sputnik” in der DDR 1988 brachte eine neue Welle von Wallfahrten ins HdSWK. In unserer Bibliothek lasen die Deutschen, die über das Verhalten der eigenen Führung gegenüber der sowjetischen Perestroika em­pört waren, die Artikel dieses Digests der Presseagentur Novosti, um das zu erfahren, was ihnen verheimlicht werden sollte.

Es begann mit Honeckers Anordnung, dass eine Ausgabe des „Sputnik”, in der eine Auswahl von Artikeln zum Thema „Stalin und der Krieg” veröffentlicht wurde, weder an die Abonnenten ausgeliefert, noch an den Zeitungskiosken verkauft werden durfte. Kein spontaner Entschluss. Bereits in den 60er Jahren, als unter Nikita Chrustschow der Personenkult um den „Vater der Völker” entlarvt wurde, hatte Erich Honecker verkündet, dass Stalin für immer als Freund des deutschen Volkes im Gedächtnis bleiben wird. Die zahlreichen Zitate des Generalissimus, die in die Granitstelen des Denkmals für den sowjetischen Soldaten im Treptower Park gemeißelt sind, blieben unangetastet. Die Ver­öffentlichung über die Verantwortung Stalins für die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung am Vorabend der Macht­ergreifung der Nationalsozialisten und die Frage „Hätte es Hitler ohne Stalin gegeben?” empfand Honecker als Ketzerei.

Die „Sputnik”-Affäre versetzte die gesamte DDR in Aufruhr. Diese aufwendig illustrierte Zeitschrift war schon lange vor der Perestroika hier sehr populär gewesen. Viele Familien hoben ganze Jahrgänge des „Sputnik” auf. Mit dem Regierungsantritt Gorbatschows festigte sich der gute Ruf dieser Publikation, die über das Leben der sowjetischen Gesellschaft berichtete. Und dann kam auf einmal das Vertriebsverbot … Tausende von Protestbriefen gingen beim Politbüro, bei der Regierung und beim Zentralvorstand der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft ein. Radikal gesinnte Menschen griffen sogar zu äußersten Maßnahmen: Sie traten aus der SED und der Gesell­schaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft aus.

Das Paradoxon bestand darin, dass der Partei- und Staats­apparat nun verbot, sich für das Land zu interessieren, das bereits seit den ersten Nachkriegsjahren buchstäblich für alle und alles als leuchtendes Vorbild zu gelten hatte. „ Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.” Mit dieser Losung sind mehrere Generationen von Bürger n Ostdeutschlands aufgewachsen. Die sowjetischen Ideen und Ideale wurden den Deutschen und ihrer geistigen Welt mit administrativen Maßnahmen oktroyiert. Eine große Erziehungsarbeit leistete die Sowjetliteratur, die in hoher Auflage verbreitet wurde. Seit Beginn der 50er Jahre war Russisch als erste Fremdsprache obligatorisches Schulfach. Schließlich war es die Sprache der herrschenden kommunisti­schen Ideologie.

Das Interesse für die Sowjetunion fasste in der Bevölkerung Fuß. Viele Deutschen hatten die „russische Seele” und die russi­sche Gastfreundschaft auf ihre Art lieben und schätzen gelernt und wussten die ideologische Seite von der menschlichen zu trennen. Es waren auch nicht wenige, die die Ideen und Gebräuche des Sowjetlandes aufrichtig für sich annahmen und teilten und ihnen nach Treu und Glauben dienten. Das waren die­jenigen, in erster Linie Veteranen der kommunistischen Bewegung, disziplinierte Deutsche, die sich wütend die Ohren zuhielten und die sowjetische Kritik an der Vergangenheit nicht hören wollten. „Das dürft Ihr nicht! Wir haben Euch geglaubt! Stalin hat den Faschismus zerschlagen, und Ihr wollt ihn mit Hitler auf eine Stufe stellen! Ihr verratet den Sozialismus!”

Ich erinnere mich an die Ratlosigkeit der Russischlehrkräfte an den pädagogischen Hochschulen, Universitäten und dem Spezialschulinternat in Wiesenburg, wo Russisch unterrichtet und zukünftige Russischlehrer und Literaturwissenschaftler auf ihr Studium vorbereitet wurden, für den Unterricht hatten sie häufig Materialien aus der „Komsomolskaja Prawda” und ande­ren sowjetischen Zeitungen verwendet. Jetzt beschwerten sie sich darüber, dass in den Zeitungen alles ohne Ausnahme negiert wurde: die Gesellschaftsordnung, die Sowjetmacht, der Kom­somol, die Traditionen und Autoritäten.

„Unseren Schülern können wir das nicht zeigen. Was sollen sie denn dann von der Sowjetunion und von der sowjetischen Jugend denken?”

Im Jahre 1987 erinnerte das Haus der sowjetischen Wissenschaften und Kultur an das Haus für politische Bildung in Moskau. Es ging um die Perestroika: in der Wirtschaft, der Medizin, der Volksbildung, der Verwaltung der Industrie, dem Filmwesen … Es wurde geredet: über Reden, Pläne, Versprechen, Projekte,

Neue Ideen erforderten auch neue Dekorationen. Im Foyer des HdSWK wurde das alte Lenin-Denkmal, auf dem er geses­sen hatte, durch ein neues ersetzt: Lenin in seiner vollen Größe und in der Blüte seiner Jahre. Dieser Wechsel hatte prinzipiellen Charakter. Und zwar nicht nur, weil die vorhergehende Pose des Revolutionsführers seit langem und unverwüstlich mit dem Sitzen auf einem „Topf assoziiert wurde. Dass Lenin sich erho­ben hatte, und das auch noch mit dem „Kapital” von Marx in der Hand, symbolisierte den entschiedenen Übergang von der Stagnation und Begriffsstutzigkeit der Breschnew-Ära zu wis­senschaftlich fundierten Taten und den längst fälligen Reformen. Michail Sergejewitsch Gorbatschow wollte, wie allgemein bekannt, weder den Leninismus noch die KPdSU aufgeben.

In den Jahren 1987/1988 hörten die Deutschen mit weit auf­gerissenem Mund zu, wenn von der Perestroika berichtet wurde. 1989 wurde die Situation schwieriger. Es wurde immer schwe­rer, im Haus oder in den einzelnen Bezirken Vorträge zu halten, über das Land zu erzählen, das im Chaos versank, und die Interessenten, die den soundsovielten Aufguss sowjetischer Zeitungsartikel hören wollten, wurden immer weniger. Die Ost­deutschen verloren das Interesse an der Perestroika, die aus dem Ruder gelaufen war. Bei vielen verfestigte sich die Meinung, dass das sozialistische Modell sich nicht bewährt hatte, dass es sinnlos war, es zu reformieren.

Auch die Besucherzahlen des HdSWK gingen zurück. Das fünfjährige Bestehen des Hauses wurde bescheiden gefeiert, nur im Kreis der Mitarbeiter. Das war im Juli 1989. Danach begann die Urlaubszeit. Im Herbst wurden im Haus die Vorlesungen und Diskussionen über die sowjetische Realität wegen mangelnden Besucherinteresses abgesetzt. Die Ausstellungssäle blieben leer,

und auch zu den Filmvorführungen und Konzerten Moskauer Künstler fand sich kein Publikum ein. Seit Mitte November 1989 hatten die Deutschen das Haus der sowjetischen Wissenschaften und Kultur völlig vergessen. Das Volk der DDR war mit seinem eigenen Schicksal beschäftigt. Die sowjetischen Probleme waren in den Hintergrund getreten.

Die Symbole des Staates sind von der Fassade entfernt worden: Hammer und Sichel sowie das farbige Mosaik mit dem Spasski-Turm des Kremls. Auch die Lenin-Statue ist aus dem Foyer verschwunden. Das Gebäude ist eines unter vie­len in der erneuerten Friedrichstraße.

         „Alles fließt, alles verändert sich … ” Es bleibt zu hoffen, dass sich die russische Realität zum Besseren verändert und dass das Russische Haus über lebt und dass es Errungenschaften der rus­sischen Wissenschaft und Kultur geben wird, die es zeigen und mit denen es die deutsche Öffentlichkeit anziehen und verblüffen kann. Nach den Worten des russischen Philosophen Wladimir Solowjow kann „kein einziges Volk in sich selbst leben, durch sich selbst und für sich selbst, doch das Leben jedes Volkes stellt nur eine bestimmte Teilnahme am gemeinsamen Leben der Menschheit dar”. Das Haus in der Friedrichstraße soll eben diese Teilnahme auf die lebendigste Art und Weise fördern.

weiter lesen